Los Angeles

Riesig, grau, flach, dreckig und nicht gerade hübsch, das ist Los Angeles. Die Stadtteile Venice Beach und Santa Monica gehörten bisher zu den einzig annehmbaren Gegenden mit vergleichsweise geringer Kriminalität und so etwas wie Flair. Und obwohl sich auch die Gegend in und um Hollywood im Laufe der Jahre verbessert hat, findet die Stadt im Allgemeinen wenig Begeisterung bei ihren Besuchern.

In Downtown L.A. und besonders in Hollywood, auf dem Sunset Boulevard (alias Sunset Strip), dem Hollywood- oder Santa Monica Boulevard will der Einheimische sehen und gesehen werden. So soll es sein, da sich hier viele Lokalitäten zu diesem Zweck anbieten. Auch jeder Tourist findet seine Schänke, doch in Anbetracht der Größe von L.A. ist die Zahl erstklassiger Cocktailbars leider verschwindend gering.
Es kommt mir sehr entgegen, dass sich mein Aufenthalt auf der Durchreise von Honolulu nach New York lediglich auf einen Tag beschränkt. Als Transportmittel ein Fahrrad zu wählen, war allerdings mein Fehler(!).

  • The Standard, 8300 Sunset Boulevard, Hollywood, Los Angeles

Da mir Tony Stewart der Aucklander Match Bar das Standard Hotel empfahl, begebe ich mich auf langen bürokratischen Weg zum Interviewtermin. Beim Anblick des Hotels von außen bin ich dem Aufgeben nah. Innen empfing mich jedoch warmes, gelungenes Design modernster Maßstäbe mit extravaganten Raumdetails. Die Lobby ist eine vom Fußboden bis zu Decke mit Fell tapezierte Lounge. Zu den Investoren gehören keine geringeren als Leonardo DiCaprio und Cameron Diaz.
Standard-L-A-
An der DJ-Pult ähnlichen Rezeption begrüßt mich mit seinen beeindruckend guten Deutsch der General Manager Assistent Jason, um mich mit Bryan Fuller bekannt zu machen. Brian, der in Montreal aufwuchs und später fünf Jahre in New York arbeitete, ist seit der Gründung des Standard vor fünf Jahren der Bar Manager. Außer dem ersten Standard Hotel des Sunset Strip gibt es weitere Standard Hotels, eines in Downtown L.A. (550 South Flower Street) und eines in Miami Beach. Außerdem gehört das Chateau Marmont dem gleichen Besitzer. Ein fünftes Projekt, das in New York City realisiert werden soll, ist in Planung.

Das besondere der Bars des Standard in Hollywood sei ihre Anzahl, ihre Gestalt und ihre Unterschiedlichkeiten. Die Pool Bar ist für den Gast unsichtbar, versteckt hinter einer Wand. Der Gast soll hier nicht das Gefühl bekommen, sich in einer Bar zu befinden. Stattdessen möge er in Badehose oder Bikini entspannt ungezwungen rund um die Uhr frische Cocktails im Liegestuhl schlürfen. Die schmale Diner Bar ergänzt das kleine Speiselokal, die dritte und größte Bar in der Club Lounge des Hotels, ist täglich ab 22Uhr der Tresen aller Partywütigen.

Für Bryan schätzt an seinem Arbeitsplatz und Job außerdem insbesondere das Kollegium, den Verdienst sowie die flexiblen Arbeitszeiten. Denn parallel zu seinem ist er Schriftsteller. Selbst wenn eines Tages ein Bestseller aus seiner Feder fließe, so dass er nicht mehr arbeiten müsste, meint er lachend, würde er mit der Gastronomie verbunden bleiben, denn er wuchs familiär bedingt mit ihr auf. Einen Mentor hatte er sonst nicht. Vom Tellerwäscher zum Barkeeper, oder „Learning by doing“ ist die Devise, als wir zum Thema Barschule übergehen. Deren unterrichtete Theorie sei als Basis gut, doch Geschwindigkeit und Sauberkeit ließen sich nicht studieren. Der perfekte Bartender sei eine Person, die „das gewisse Etwas“ hat, dem Gast Augenkontakt und Lächeln schenkt, der seinen Drinks „the little extra piece of love“ beimischt und trotzdem schnell, sauber und konzentriert arbeitet. Personen dieser Professur verdienen in Los Angeles übrigens mindestens $6,50 pro Stunde. Hohes Trinkgeld lässt den Bartender jedoch pro Abend um $150 bis $250 reicher werden.

Auf dem Weg zu solch großen Scheinen mischt man im Standard Hotel auf häufigsten einige Mojitos in diversesten Varianten oder den einen oder anderen Vanilla Sky (grey goose la vanille vodka and muddled blueberries). Interessant sind für die Unentschlossenen Martini Flights, drei Samples aus der Karte in Miniaturmartinigläsern für $12. Die sich jedes Quartal ändernde Cocktailkarte listet ganze zehn Kreationen des Hauses. Classics sind nicht aufgeführt. Pur ist Vodka die Nr.1, nicht Tequila. „It just gives you a smoother ride into the desired condition.“, schmunzelt Bryan.

Zum Schluss möchte ich wissen, was er an seinem Beruf am wenigsten mag. Nach langem Überlegen kommt er zu dem Ergebnis, das während des Arbeitens abfallende Ausgießer störend seien oder ein alleiniger Blender bei der gleichzeitigen Bestellung von drei unterschiedlichen frozen Drinks. Sonst eigentlich nichts.

  • Chateau Marmont, 8221 Sunset Boulevard, Hollywood, Los Angeles

Das 1927 erbaute, somit für die USA erstaunlich alte Schloß Chateau Marmont ist im Sunset Strip „the place to be“. Es gehört ebenso dem Besitzer des Standard. Maroder Duft alter Holzbalken und –Möbel, der Renaissance- und Art Deco Stil mit moderner Note macht es fast gespenstisch. Eine riesige Palme stützt die winzige Bar auf der Terrasse im Schein flackernder Öllampen.
Schlechten Service macht das Ambiente wett. Als Nicht-Dinner-Gast bekomme ich zunächst nämlich eine zeitlich limitierte Aufenthaltsgenehmigung, dann die Fehlinformation, es gäbe keine Cocktails. Stolze $12 nippe ich in Form eines mittelmäßigen Weißweines aus der Portokasse, obwohl einschlägige Literatur verspricht: „The drink of choice here is one of the infused vodkatinis. Otherwise, the list is limited to basic mojitos and cosmos.“ Wahrscheinlich gibt es eine zweite Bar, auf die ich nicht verwiesen worden bin. Aha, bleibt mir zu denken.


...weitere Empfehlungen:
  • Trader Vics, 9876 Wilshire Boulevard, Beverly Hills, Los Angeles

  • Sky Bar, Mondrian Hotel, 8440 Sunset Boulevard, Hollywood

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